PRINCESS ROOM IN THE TOWER HOUSE

Bert Rebhandl about the film "Tower House" (2013) and the computer animation "Studio" (2000)

Bert Rebhandl
PRINZESSINENZIMMER IM TURMHAUS
Über den Film Tower House (2013) und die Computeranimation Studio (2000)

Architektur und urbane Lebensräume sind bestimmende Themen in der künstlerischen Praxis von Karl-Heinz Klopf: Einigen seiner filmischen Arbeiten ist kommenden Mittwoch im Mumok ein Abend gewidmet.

Als der japanische Architekt Takamitsu Azuma mit seiner Frau in Tokio eine Wohnung suchte, war er jung und hatte wenig Geld. Die Olympischen Spiele von 1964 hatten die Stadt verändert, Durchzugsstraßen waren gebaut worden, viele kleine, häufig dreieckige, als unattraktiv geltende Grundstücke zurückgeblieben. Für die Azumas aber war das die Lösung. Statt einer Wohnung kaufen sie einen Bauplatz, und 1966 entstand darauf das inzwischen berühmte Tower House, ein Einfamilienhaus auf einem Grundriss von 20 Quadratmetern. Diesem Gebäude widmete Karl-Heinz Klopf einen einstündigen Film gleichen Namens, der mehr ist als nur eine herkömmliche Architekturdokumentation. Tower House stellt einen Versuch dar, dem Geist des Hauses mit filmischen Mitteln zu entsprechen. Kreisende Bewegungen, in denen Klopf die Details, die Blickachsen, aber auch viel unverputzten Beton erkundet, haben ihren Sitz im Leben in den Wendeltreppen, die im „Turmhaus“ bis in das oberste Geschoß führen. Es wurde als Kinderzimmer genützt, die Tochter der Azumas durfte dort oben als „Prinzessin“ leben. Und diese Rie Azuma ist nun auch in dem Film über das Haus, in dem ihr Leben begann und das ihr heute zur Gänze gehört, die wichtigste menschliche Präsenz – neben dem diskreten, unsichtbaren, sich den Geometrien des Gebäudes anverwandelnden Filmemacher. Rie Azuma erzählt aus dem Off die Geschichte des Tower House, die ansonsten nur durch sparsam eingesetzte Fotografie präsent ist – und durch die Spuren der Zeit in den Strukturen des Gebäudes. Der Film ist ganz und gar eine „Einwohnung“, um eine mögliche Übersetzung des Titels Inhabitations aufzugreifen, unter dem das Mumok ein Filmprogramm mit drei Arbeiten von Klopf zeigt. Tower House ist darin schon seiner Länge wegen der gewichtigste Beitrag, zugleich derjenige, der herkömmlichen dokumentarischen Formaten am nächsten ist. Die beiden kürzeren Arbeiten sind deutlich experimenteller, die einminütige 60 Sekunden in den Farben meines Hemdes ist ein grafisches Spiel mit Farben und Chronometrie. In Studio eröffnet Klopf Zugang in seine Arbeitsräume in der Wiener Waschhausgasse. Er zeigt davon aber keine Bilder, sondern eine in ständiger virtueller Bewegung befindliche Architekturskizze, ein Gitter von Linien in niemals vollständig werdenden Kubaturen. In deren „Räumlichkeit“ gibt sich das „Leben“ des Künstlers durch E-Mail-Nachrichten zu erkennen, die in digitaler Schrift auf der Bildfläche erscheinen. Mit den acht Minuten dieses Films öffnet Klopf eine unvermutete Vielzahl von Welten: Wir werden durch die Nachrichten zu Mitgliedern einer Weltgesellschaft, die sich zwischen Delhi und London auch komplizierte Gedanken über Urbanität macht – ein zentrales Thema des Künstlers; wir werden aber auch in einen technologischen Moment eingebunden, der in vielfacher Hinsicht (die Nachrichtengrafik etc.) schon wieder historisch geworden ist; historisch im Sinne der rasanten Geschichtlichkeit im Zeitalter der Neuen Medien. Wohnen im Wandel. Klopf erweist sich mit seinen Inhabitationen als wacher Beobachter der Veränderungen in den Bereichen Wohnen, Leben, Arbeiten. Eines Wandels, der nicht zuletzt durch die Expansion der Räume, hervorgerufen durch die fortschreitende Virtualisierung, bedingt ist. Das Tower House, in dem der Linoleumboden nie fertig zugeschnitten wurde, weil der Bauherr immer zu viel zu tun hatte, erweist sich als eine Schnittstelle mit weitreichenden Implikationen. Ein Esszimmer, in das man Gäste einladen hätte können, gab es im Grunde nicht, ebenso wenig ein Arbeitszimmer, in das man sich hätte zurückziehen können. In beiden Fällen dienten nahegelegene öffentliche Räume – ein Café, ein Restaurant – als Erweiterungen der Wohnung. Ein Konzept, das beinahe schon die digitale Boheme vorwegnahm.

(Dieser Text erschien am 6. Juni 2015 im Der Standard im Zusammenhang mit dem Filmabend Inhabitations mit Filmen von Karl-Heinz Klopf im Mumok-Kino, Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien.)

Bert Rebhandl
PRINCESS ROOM IN THE TOWER HOUSE
About the film Tower House (2013) and the computer animation Studio (2000)

Architecture and urban living spaces are defining themes in the artistic practice of Karl-Heinz Klopf: An evening will be dedicated to some of his cinematic works next Wednesday at Mumok.

When Japanese architect Takamitsu Azuma and his wife were looking for an apartment in Tokyo, he was young and had little money. The 1960 Olympics had changed the city, thoroughfares had been built, many small, often triangular plots of land considered unattractive had been left behind. For the Azumas, however, that was the solution. Instead of an apartment, they bought a building lot, and in 1966 the now famous Tower House was built on it, a single-family house on a floor plan of 20 square meters. Karl-Heinz Klopf dedicated an hour-long film of the same name to this building, which is more than just a conventional architectural documentary. Tower House represents an attempt to match the spirit of the house through cinematic means. Circular movements in which Klopf explores the details, the lines of sight, but also a lot of unplastered concrete, have their seat in life in the spiral staircases that lead up to the top floor in the „Tower House“. It was used as a nursery, the daughter of the Azumas was allowed to live up there as a „princess“. And this Rie Azuma is now also the most important human presence in the film about the house in which her life began and which she now owns in its entirety – alongside the discreet, invisible filmmaker who adapts to the geometries of the building. Rie Azuma narrates the history of Tower House from off-screen, which is otherwise only present through sparingly used photography – and through the traces of time in the structures of the building. The film is entirely an „Inhabitation,“ to take up a possible translation of the title Inhabitations, under which the Mumok is showing a film program of three works by Klopf. Due to its length, Tower House is the most weighty contribution, and at the same time the one that is closest to conventional documentary formats. The two shorter works are much more experimental; the one-minute 60 Seconds in the Colors of My Shirt is a graphic play with colors and chronometry. In Studio, Klopf opens access to his workrooms in Vienna’s Waschhausgasse. He does not show pictures of it, but an architectural sketch in constant virtual motion, a grid of lines in cubatures that never become complete. In their „spatiality,“ the artist’s „life“ reveals itself through e-mail messages that appear in digital script on the picture plane. With the eight minutes of this film, Klopf opens up an unsuspected multitude of worlds: Through the news, we become members of a world society that, between Delhi and London, is also thinking complicated thoughts about urbanity – a central theme of the artist; but we also become involved in a technological moment that, in many ways (the news graphics, etc.), has already become historical again; historical in the sense of rapid historicity in the age of new media. Living in transition. Klopf proves himself to be an alert observer of changes in the areas of living, life, and work. A change that is not least due to the expansion of spaces caused by the advancing virtualization. The Tower House, where the linoleum floor was never finished being cut because the builder was always too busy, proves to be an interface with far-reaching implications. There was basically no dining room to invite guests to, nor was there a study to retreat to. In both cases, nearby public spaces – a café, a restaurant – served as extensions of the apartment. A concept that almost anticipated digital bohemia.

(This text appeared in Der Standard on June 6, 2015 in connection with the film evening Inhabitations with films by Karl-Heinz Klopf at the Mumok Cinema, Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien.)